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Vor drei Jahren war der Tübinger Tobias Unger (28) der weltbeste weiße Sprinter über 200 Meter. Inzwischen weiß der Hallen-Europameister von 2005: „Den 200-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in Peking kann man eigentlich nicht ungedopt gewinnen.“
Im Herbst 2007 beendete der damalige T-Mobile-Profi Thomas Ziegler mit 27 Jahren seine sportliche Laufbahn. Ohne Doping sah das „Riesentalent Ziegler“ (Olaf Ludwig) kein Fortkommen mehr: „Die Ergebnislisten sähen nämlich ganz anders aus, wären alle Fahrer sauber.“
Doch woher stammen die Doping-Lieferungen, von denen über achtzig Prozent aus rezept-pflichtigen Arzneien und ein Großteil aus verbotenen Rauschgiften, wie Kokain, stammen? Sandro Donati (60), Italiens renommiertester Doping-Bekämpfer, erklärt: „Das Geschäft mit Anabolika, Wachstumshormonen und EPO läuft verstärkt über kriminelle Organisationen. Das ist weniger riskant, als das Geschäft mit Heroin.“ Der Professor aus Rom sieht nicht nur die neapolitanische und kalabresische, sondern auch die russische Mafia am lukrativen weltweiten Doping-Geschäft beteiligt. Organisationen, sagt er, die sich nicht um Gesetze scheren würden.
Der Mann weiß, wovon er spricht: Er war es, der den Doping-Arzt Francesco Conconi als solchen enttarnte; er entdeckte, wie spätesten ab Mitte der 90er Jahre flächendeckend EPO als Beschleuniger für Radsportler eingesetzt wurde, und er machte auch auf große unregel-mäßigkeiten im staatlichen Doping-Kontrolllabor Acqua Certosa in Rom aufmerksam.
Wobei die internationalen Doping-Netzwerke, ob es sich um die „Operacion Puerto“ in Spanien oder „Oil for Drugs“ in Italien handelt, ob es um Organisationen in Österreich, in den Niederlanden, in Deutschland, Finnland, Mexiko, Japan, China oder in den USA geht - sie alle arbeiten auch - zumindest temporär - miteinander. Schließlich werden 700 Tonnen anaboler Steroide, nach einer Untersuchung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), jährlich zu Doping-Zwecken missbraucht. Und nicht erst in den letzten Jahren.
Bereits 1999 wurde der englische 100-Meter-Olympiasieger von 1992, Linford Christie, mit dem anabolen Steroid Nandrolon erwischt, das dann auch einige seiner schnellen Schüler benutzt haben sollen, und das aus Japan bezogen aber dort nicht hergestellt wurde. Wahrscheinlich aber schon damals in China.
Und heute? Schon vor zwölf Monaten warnte Wilhelm Schänzer, der Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, in der „Frankfurter Rundschau“: „Im Sport wird gegenwärtig ohne Ende manipuliert. Davon müssen wir ausgehen.“ Schänzer vermutet, dass weit mehr Doping-Netzwerke existieren, als man bisher kenne: „Damit muss man rechnen. Ich weiß nur nicht, wie viele es davon gibt.“ Was auch Dr. Frank Lippert, der Leiter für Wirtschafts-kriminalität und Korruption beim Bundeskriminalamt (BKA), untermauert. Nach dessen Erfahrungen stelle bei Arzneimittelfälschungen in Deutschland der illegale Handel mit Anabolika und anderen Doping-Substanzen eines der größten Probleme dar.
Denn dabei seien vor allem besonders hohe Gewinnspannen zu erzielen. So könnten mit Rohstoffen für rund einhundert Euro anabole Dopingmittel zum aktuellen Schwarzmarktpreis von rund zehntausend Euro produziert werden.
Doch was gilt derzeit als neuester Renner? Vor allem Wachstumshormone. Über internationale Netzwerke, so der britische Auslandsgeheimdienst MI6, könne man momentan chinesische Präparate für 12,80 Euro pro Ampulle erwerben. Chemiker des MI6 haben diesem Hormon eine gute Qualität bescheinigt; andere Beamte stellten gleichzeitig fest, dass mit dem Herannahen der Olympischen Spiele in Peking auch ein weltweiter Anstieg des illegalen Handels mit Hormonen und Steroiden aus China beobachtet werde.
Doch als kürzlich ein Großteil des griechischen Gewichtheber-Teams wegen des Gebrauchs chinesischer Doping-Substanzen für Olympia gesperrt wurde, habe das Pekinger Außenministerium angeblich großangelegte Ermittlungen, vor allem gegen Pharma-Hersteller in Shanghai, veranlasst. Ergebnisse sind nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass die amerikanische Anti-Drogenbehörde 2007 Steroide im Wert von 50 Millionen Dollar beschlagnahmt hat, dass dabei weltweit 124 Dealer verhaftet und 56 US-Labore geschlossen wurden, und dass die Ermittlungen ergaben, dass 99 Prozent der dafür verwandten Rohmaterialien aus der Volksrepublik China gestammt haben. Bekannt ist obendrein, dass nach Schätzungen der WADA die Chinesen bis zu achtzig Prozent des weltweiten Schwarzmarktes für Wachstumshormone (Wert: etwa 480 Millionen Dollar - unversteuert!) bestreiten.
So staunt denn auch Achim Schmidt, Radsport-Dozent und Doping-Experte der Deutschen Sporthochschule Köln, dass die bisher weithin unbekannten Chinesinnen Ying Lia, Ren Chenyang und JingJimg Wang urplötzlich die internationale Moutainbike-Szene aufmischen. Schmidt: „China war im Radsport noch nie stark. Alle sind deshalb überrascht.“
Die internationalen Doping-Netzwerke funktionieren - und zwar sportarten-übergreifend. Am 19. Mai beginnt in San Francisco der Prozess um das kalifornische Doping-Zentrum Balco. Dabei geht es auch um internationale Händler, wie den mexikanischen Dealer Angel Heredia, der auch den amerikanischen Sprint-Superstar Maurice Greene für 40 000 Dollar beliefert haben will.
Doch weit mehr Aufmerksamkeit als ihm gilt in San Francisco einem zwei Meter großen glatz-köpfigen Hünen , namens Jeff Nowitzki. Der Mann aus der kalifornischen Finanzbehörde gilt Experten nämlich als einer der kenntnis- und erfolgreichsten Doping-Fahnder der Welt. Was er bislang an Zusammenhängen zutage gefördert hat, könnte auch diesmal einige der millionen-schweren Doping-Netzwerke ins Wanken bringen.
quelle: derwesten
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